Aus: Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation

Die Themen des Agitators sind entstellte Versionen echter sozialer Probleme. Wenn er eine Absage an alle bestehenden Loyalitäten fordert, versucht er die zeitgenössische Tendenz zum Zweifel an der Zulänglichkeit und Wirksamkeit westlichere Werte auszunutzen. Wenn er die Ängste seiner Zuhörer ausnutzt, manipuliert er echte Ängste, denn es besteht guter Grund zur Angst. Wenn er ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit zu suggerieren versucht, gleichgültig wie verlogen es sein mag, und das Bewußtsein der Beteiligung an einer guten Sache, fallen seine Worte nur deshalb auf empfänglichen Boden, weil Menschen sich heutzutage als heimatlos und entwurzelt empfinden. Wenn er sie auffordert, sich auf ihn zu verlassen, nutzt er damit sowohl ihre Auflehnung gegen Zwänge der Zivilisation aus als auch ihre Sehnsucht nach einem neuen Autoritätssymbol. Ihre geheimsten Gedanken, die sie kaum sich selbst einzugestehen wagen, werden zu den aufreizendsten Agitationsthemen.
Der Agitator aktiviert also die primitivsten und bedrängensten Reaktionen seiner Anhänger auf allgemeine Krisenentwicklungen der gegenwärtigen Gesellschaft. Nachdem er einmal ihr Bewußtsein für erdrückende Situation erweckt hat, lenkt er sie jedoch vom wirklich bewußten Erfassen ihrer Probleme und von möglichen Lösungen durch folgende "Überlegungen" wieder ab: Die sie erdrückenden Kräfte sind mit rationalen Mitteln weder zu bekämpfen noch zu überwinden oder gar zu kontrollieren. Sich ihnen bloß mit Idealen bewaffnet entgegenstellen zu wollen, wäre heller Wahnsinn - eine Art Don-Quichotte-Utopismus. Die beste Lösung ist daher, selbst ein Polizist zu werden, einer der Zerstörer im Dienste der Zerstörung. Dieser Vorschlag kommt im Grunde einer Aufforderung zur Selbstzerstörung gleich. Da die feindlichen Mächte so überwältigend sind, bleibt einem nur, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen... und sich überwältigen lassen. Wie der Mogler bei Paticiens-Legen soll der Anhänger in der Niederlage seiner selbst zum Sieger werden.
Das Aufspüren und die Manipulation dieser alarmierenden, vom Durchschnittspolitiker gewöhnlich ignorierten Krankheitssymptome des modernen Lebens ist die wesentliche Leistung des Agitators.
Was seine Losungen letztlich implizieren, ist die Forderung nach bedingungsloser Unterwerfung unter die gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Hieraus leiten sich die Implikationen seiner verschiedenen Themen ab - die charismatische Glorifizierung des "Führers", das Auslöschen bürgerlicher Freiheiten, der Polizeistaat, die Entfesselung des Terrors gegen Minoritäten. Bei aller Betonung und Formulierung des sozialen Unbehagens ist die Strategie des Agitators objektiv auf eine Perpetuierung der Verhältnisse ausgerichtet, die dieses Unbehagen gerade verursachen.
(...)
Was der Agitator meint

Meine Freunde, wir leben in einer Welt der Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Wer immer glaubt, daß dieser Zustand sich je ändern wird, je geändert werden könnte, ist ein Narr oder Lügner. Unterdrückung und Ungerechtigkeit sind - wie Krieg und Hungersnot - die Begleiterscheinungen der menschlichen Existenz. Idealisten, die dies leugnen, belügen sich selbst - schlimmer noch: sie führen euch an der Nase herum. In Gesten humaner Brüderlichkeit zu schwelgen, ist nur ein Köder für Einfaltspinsel und Dummköpfe, die sich dadurch von ihrem rechtmäßigen Anteil an der heutzutage vorhandenen Beute abhalten lassen. Sagt euch nicht eure eigene Erfahrung, daß ihr für euren Idealismus immer habt zahlen müssen? Seid praktisch Die Welt ist die Arena eines erbarmungslosen Überlebenskampfes. Warum solltet ihr nicht auf der Seite derer sein, die profitieren?
Anstatt mit den Unterdrückten und Leidenden gemeinsame Sache zu machen, schließt euch mir an. Ich verspreche euch weder Frieden noch Sicherheit, noch Glück. Ich erzähle euch nichts von Individualität - was immer das Wort bedeuten mag. Ich verachte solche Schlagworte, wenn ich sie auch gelegentlich, wenn's paßt, selbst verwende.
Wenn ihr euch mir anschließt, verbündet ihr euch mit Kraft, Stärke und Macht - den Waffen, die am Ende alle Streitigkeiten entscheiden. Ich biete euch Prügelknaben an - Juden, Radikale, Plutokraten und sonstige Kreaturen, die unsere Fantasie erfinden kann. Ihr könnt sie beschimpfen und schließlich verfolgen. Worin besteht der Unterschied? Es ist ja gleichgültig. Es kommt ja nicht darauf an, daß sie eure wahren Feinde sind, solange ihr sie ausplündern und eure Wut an ihnen auslassen könnt.
Ich biete euch nicht eine Utopie, sondern einen realistischen Kampf um den Knochen im Maul des anderen Hundes; das ist unser Programm. Nicht Frieden, sondern ständiger Kampf ums Überleben. Nicht Überfluß, aber den Löwenanteil. Könnt ihr, wenn ihr realistisch seid, mehr erwarten?
Um das zu erreichen müßt ihr mir folgen. Wir wollen eine Bewegung des Schreckens organisieren. Wir werden uns mit den Mächtigen verbünden, um einen Teil ihrer Privilegien zu gewinnen. Anstatt Gefangene werden wir Polizisten sein. Und ich bin euer Führer. Ich werde für euch denken und euch sagen, was zu tun ist. In meiner Führerrolle werde ich euch euer Leben vorleben, und ich werde euer Beschützer sein. In der Hölle meiner Erbarmungslosigkeit winkt euch ein trautes Heim.


aus: Leo Löwenthal, Untergang der Dämonologien Studien über Judentum, Antisemitismus und faschistischen Geist

[ Top | Zurück ]


Most recent revision: April 07, 1998

E-MAIL: Martin Blumentritt